Ein umfassender Überblick über die wichtigsten psychischen Erkrankungen – Klassifikation, Symptome, Ursachen und Umgang in der Praxis. Für Pflegekräfte, Angehörige und alle, die verstehen wollen.
Vortrag beginnen ↓Was ist eine psychische Erkrankung überhaupt? Wie werden Diagnosen gestellt, und wie häufig sind sie wirklich?
Eine psychische Störung liegt vor, wenn Denken, Fühlen, Verhalten oder Erleben so verändert sind, dass sie zu deutlichem Leiden oder Beeinträchtigung in Alltag, Beziehungen oder Beruf führen – über das übliche Maß hinaus und über einen bestimmten Zeitraum.
Diagnosen werden nach standardisierten Klassifikationssystemen gestellt – sie beschreiben Symptommuster, nicht die Person.
Wenn die Stimmung entgleist: Depression, Bipolare Störung und ihre Verläufe.
Affektive Störungen betreffen die Grundstimmung – meist über Wochen bis Monate, oft episodisch wiederkehrend.
Häufigste affektive Störung. Gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Antriebslosigkeit über mind. 2 Wochen. Leicht, mittel, schwer – ggf. mit psychotischen Symptomen.
Wechsel zwischen manischen (Euphorie, Größenideen, wenig Schlafbedarf) und depressiven Episoden. Typ I: volle Manie. Typ II: abgeschwächte Hypomanie.
Chronisch gedrückte Stimmung über mind. 2 Jahre, weniger intensiv als Depression, aber dauerhaft belastend – oft „schleichend" und lange unerkannt.
Anhaltende Stimmungsschwankungen zwischen leichter Hypomanie und leichter Depression, ohne die Kriterien für volle Episoden zu erfüllen.
Frau Arendt (54 J.) liegt seit Tagen fast durchgehend im Bett, isst kaum, spricht wenig. Auf Ansprache reagiert sie mit „Lassen Sie mich einfach, es hat sowieso keinen Sinn mehr." Eine Kollegin meint: „Die muss sich einfach mal zusammenreißen, ein bisschen Bewegung würde helfen."
Was steckt dahinter & wie reagieren? Der Satz „es hat sowieso keinen Sinn" kann auf Hoffnungslosigkeit und möglicherweise Suizidgedanken hinweisen – das muss ernst genommen und direkt angesprochen werden, nicht überhört.
Konkret: Ruhiges Einzelgespräch suchen, direkt fragen: „Wenn Sie sagen, es hat keinen Sinn mehr – denken Sie manchmal daran, sich etwas anzutun?" Zuhören ohne zu bewerten oder vorschnell zu trösten. Nicht auffordern „sich zusammenzureißen" – das verstärkt Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit. Behandelnden Arzt/Psychiater informieren, Suizidrisiko dokumentieren, engmaschige Beobachtung absprechen. Kleine erreichbare Schritte anbieten statt großer Erwartungen.
Wenn Angst und Kontrolle den Alltag bestimmen: von Panikattacken bis Zwangsritualen.
Angst ist ein sinnvolles Alarmsystem – wird sie jedoch unangemessen intensiv, häufig oder anhaltend, spricht man von einer Störung.
Wiederkehrende, unerwartete Panikattacken: Herzrasen, Atemnot, Todesangst, Depersonalisation – Gipfel meist nach wenigen Minuten. Oft begleitet von Angst vor der nächsten Attacke.
Anhaltende, frei flottierende Sorge über viele Lebensbereiche, über mind. 6 Monate, begleitet von Anspannung, Unruhe, Schlafproblemen.
Ausgeprägte Angst vor Bewertung und Bloßstellung in sozialen Situationen – häufig verbunden mit Vermeidung, Erröten, Zittern.
Wiederkehrende, aufdringliche Gedanken (Zwangsgedanken) und/oder Handlungen (Zwangshandlungen wie Kontrollieren, Waschen), die Angst reduzieren sollen, aber den Alltag stark einschränken.
Herr Nowak (42 J.) kontrolliert vor dem Verlassen der Wohnung bis zu 40 Mal, ob der Herd aus ist – das dauert oft über eine Stunde und führt regelmäßig zu Verspätungen. Er weiß selbst, dass die Sorge übertrieben ist, kann aber nicht aufhören. Eine Betreuerin schlägt vor, ihm die Kontrolle „einfach abzunehmen" und es selbst zu prüfen.
Was steckt dahinter & wie reagieren? Die Kontrollhandlung reduziert kurzfristig die Angst, verstärkt den Zwang aber langfristig. Übernimmt die Betreuerin die Kontrolle, wird Herr Nowak in seiner Abhängigkeit vom Ritual bestätigt statt entlastet – das ist gut gemeint, aber kontraproduktiv.
Konkret: Nicht die Kontrolle übernehmen und nicht ständig rückversichern. Stattdessen behutsam zur Verhaltenstherapie (ERP) motivieren – dort lernt er, den Drang auszuhalten, ohne zu kontrollieren. Im Alltag: Verständnis zeigen ohne das Ritual zu unterstützen: „Ich sehe, wie sehr Sie das belastet – lassen Sie uns besprechen, was Ihre Therapeutin dazu vorschlägt."
Wenn belastende Erlebnisse nachwirken: PTBS, komplexe Traumafolgen und Anpassungsstörungen.
Nach einem oder mehreren traumatischen Ereignissen: Intrusionen (Flashbacks, Albträume), Vermeidung, Übererregung, negative Veränderungen in Denken/Stimmung – über mind. 1 Monat.
Nach wiederholter, meist zwischenmenschlicher Traumatisierung (z.B. Missbrauch, Gewalt in der Kindheit). Zusätzlich zur PTBS: Störungen der Affektregulation, des Selbstbilds und der Beziehungsfähigkeit.
Emotionale oder Verhaltenssymptome als Reaktion auf einen identifizierbaren Belastungsfaktor (Trennung, Jobverlust) – meist innerhalb von 3 Monaten, in der Regel zeitlich begrenzt.
Vorübergehende, intensive Reaktion direkt nach einem extrem belastenden Ereignis – Stunden bis wenige Tage, oft mit Betäubungsgefühl oder starker Erregung.
Frau Yilmaz (39 J.) erstarrt jedes Mal, wenn ihr unangekündigt der Arm für die Blutdruckmessung ergriffen wird – sie zieht sich abrupt zurück, wirkt wie „weggetreten" und reagiert kurz nicht auf Ansprache. Die Pflegekraft ist verunsichert: „Ich habe doch gar nichts gemacht."
Was steckt dahinter & wie reagieren? Unangekündigtes Ergreifen des Arms kann ein Trigger sein, der eine dissoziative Reaktion auslöst – das Gehirn reagiert, als sei die traumatische Situation wieder da. Das ist keine Überreaktion, sondern eine automatische Schutzreaktion des Nervensystems.
Konkret: Vor jeder Berührung ankündigen und um Erlaubnis fragen: „Ich möchte jetzt Ihren Blutdruck messen – ist es okay, wenn ich Ihren Arm nehme?" Bei Erstarren: ruhig ansprechen, Namen nennen, Bezug zur Gegenwart schaffen („Sie sind hier bei uns, es ist [Datum], Sie sind sicher"). Nicht anfassen, um sie „zurückzuholen". Im Team dokumentieren, welche Auslöser bekannt sind, damit alle vorsichtig vorgehen können.
Wenn die Realitätswahrnehmung sich verändert: Schizophrenie und verwandte Störungsbilder.
Chronische Störung mit Positiv- (Wahn, Halluzinationen) und Negativsymptomen (Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug). Beginn meist im jungen Erwachsenenalter, Verlauf sehr unterschiedlich.
Kombination aus psychotischen Symptomen und einer ausgeprägten affektiven Episode (Depression oder Manie), die gleichzeitig auftreten.
Anhaltender, meist gut systematisierter Wahn (z.B. Verfolgungs-, Eifersuchtswahn) ohne die übrigen typischen Schizophrenie-Symptome – Alltagsfunktion oft erstaunlich erhalten.
Plötzlich auftretende psychotische Symptome, oft nach starker Belastung, die innerhalb weniger Tage bis unter einem Monat wieder vollständig abklingen.
Herr Petrov (29 J.) sagt während der Mahlzeit plötzlich: „Die sagen, ich soll nicht essen, das Essen ist vergiftet." Er wirkt angespannt und schaut sich misstrauisch um. Eine Pflegekraft antwortet reflexartig: „Unsinn, hier vergiftet niemand das Essen, essen Sie jetzt bitte."
Was steckt dahinter & wie reagieren? Herr Petrov erlebt vermutlich eine akustische Halluzination und einen damit verknüpften Wahn. Ein direktes „Unsinn" wird als Angriff erlebt und kann Misstrauen und Widerstand verstärken, statt ihn zu beruhigen.
Konkret: Ruhig bleiben, Gefühl anerkennen ohne den Wahninhalt zu bestätigen: „Das klingt beängstigend. Ich vergifte hier niemandes Essen, aber ich kann verstehen, dass Sie gerade misstrauisch sind." Keine Diskussion über den Wahrheitsgehalt führen – das führt zu nichts. Druck rausnehmen: „Sie müssen jetzt nicht essen, wenn Sie nicht möchten. Wollen wir es später nochmal versuchen?" Vorfall dokumentieren und ans Behandlungsteam weitergeben (mögliches Zeichen für Symptomverschlechterung).
Substanzgebundene und Verhaltenssüchte: Kontrollverlust, Craving und Wege aus der Abhängigkeit.
Häufigste substanzgebundene Sucht in Deutschland. Toleranzentwicklung, Kontrollverlust, körperliche Entzugssymptome, Craving. Etwa 1,6 Mio. Betroffene in DE.
Opioide, Benzodiazepine, Stimulanzien, Cannabis u.a. Unterschiedliche Wirk- und Entzugsprofile, oft schleichende Entwicklung – z.B. bei Schmerz- oder Schlafmitteln.
Verhaltenssucht mit ähnlichen neurobiologischen Mechanismen wie Substanzabhängigkeit. Kontrollverlust, Weiterspielen trotz negativer Konsequenzen, „Chasing losses".
Exzessive, nicht mehr kontrollierbare Nutzung von Internet, Gaming oder sozialen Medien mit klaren negativen Folgen für Alltag, Schlaf und Beziehungen. Seit ICD-11 als „Gaming Disorder" anerkannt.
Herr Dahl (58 J.) war drei Monate trocken, riecht heute wieder nach Alkohol und ist leicht enthemmt. Er wirkt beschämt und weicht Blickkontakt aus. Eine Kollegin sagt genervt: „Das hatten wir doch schon mal, der macht das doch mit Absicht."
Was steckt dahinter & wie reagieren? Ein Rückfall ist bei Suchterkrankungen ein häufiger Teil des chronischen Krankheitsverlaufs, kein Zeichen von Absicht oder mangelnder Willenskraft. Beschämung von außen verstärkt oft die Scham, die selbst wieder ein Rückfalltrigger sein kann.
Konkret: Nicht bloßstellen oder vor anderen ansprechen. Ruhiges Vier-Augen-Gespräch: „Ich sehe, dass es Ihnen heute nicht so gut geht. Möchten Sie erzählen, was passiert ist?" Ohne Vorwurf nach dem Auslöser fragen (Stress, Einsamkeit, Trigger-Situation). An die Suchtberatung/den Behandlungsplan anknüpfen, nicht bei null anfangen – der Rückfall macht die drei trockenen Monate nicht ungeschehen. Team schulen: Rückfälle sachlich, nicht moralisierend besprechen.
Wenn tief verwurzelte Muster im Erleben und Verhalten zu dauerhaftem Leiden führen.
Persönlichkeitsstörungen sind überdauernde, unflexible Muster im Denken, Fühlen und Verhalten, die deutlich von kulturellen Erwartungen abweichen und seit der Jugend bestehen.
Paranoide, schizoide, schizotypische Persönlichkeitsstörung. Misstrauen, sozialer Rückzug, ungewöhnliche Denkmuster.
Borderline, narzisstische, histrionische, antisoziale Persönlichkeitsstörung. Starke Emotionalität, instabile Beziehungen, Impulsivität.
Ängstlich-vermeidende, dependente, zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Übermäßige Angst vor Ablehnung, starkes Kontrollbedürfnis oder Abhängigkeit von anderen.
Instabile Beziehungen, Impulsivität, starke Angst vor dem Verlassenwerden, Selbstbildstörung, häufig selbstverletzendes Verhalten als Regulationsstrategie.
Frau Lund (26 J.) idealisiert eine Betreuerin zunächst stark („Sie sind die Einzige, die mich versteht"), reagiert dann aber auf eine terminliche Absage extrem gekränkt: „Sie sind genau wie alle anderen, Sie interessieren sich gar nicht für mich!" und droht, die Betreuung ganz abzubrechen.
Was steckt dahinter & wie reagieren? Der schnelle Wechsel von Idealisierung zu Abwertung („Splitting") ist ein typisches Beziehungsmuster bei Borderline-Persönlichkeitsstörung, meist Ausdruck extremer Verlassenheitsangst – keine persönliche Ablehnung der Betreuerin.
Konkret: Ruhig, konsistent und nicht gekränkt reagieren: „Ich verstehe, dass die Absage Sie enttäuscht hat. Ich interessiere mich weiterhin für Sie – der Termin musste aus [Grund] verschoben werden, nicht wegen Ihnen." Grenzen klar, aber freundlich halten, keine übertriebenen Zusagen machen, um „es wiedergutzumachen". Im Team konsistent bleiben, damit kein Keil zwischen Betreuende getrieben wird (Splitting auch im Team möglich).
Wenn Essen, Körper und Kontrolle zum Zentrum des Leidens werden.
Selbst herbeigeführtes, deutliches Untergewicht durch restriktives Essverhalten, verzerrte Körperwahrnehmung, intensive Angst vor Gewichtszunahme. Höchste Sterblichkeit aller psychischen Erkrankungen.
Wiederkehrende Essanfälle gefolgt von kompensatorischen Verhaltensweisen (Erbrechen, Abführmittel, exzessiver Sport). Gewicht oft im Normalbereich – dadurch häufig lange unentdeckt.
Wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust, ohne kompensatorische Maßnahmen. Häufig verbunden mit starken Scham- und Schuldgefühlen.
Vermeidend-restriktive Störung der Nahrungsaufnahme – stark eingeschränktes Essverhalten ohne Körperbildstörung, oft aufgrund von Konsistenz-/Geschmacksempfindlichkeit oder Angst vor Ersticken/Erbrechen.
Lena (17 J.) vermeidet konsequent gemeinsame Mahlzeiten, schneidet ihr Essen in winzige Stücke und schiebt es lange auf dem Teller hin und her, ohne viel zu essen. Eine Betreuerin sagt gut gemeint: „Iss doch einfach normal, ist doch nicht so schlimm, ein bisschen mehr Kalorien schaden nicht."
Was steckt dahinter & wie reagieren? Solche gut gemeinten Kommentare zu Essen und Kalorien können bei Essstörungen kontraproduktiv wirken und Scham- oder Kontrollgefühle verstärken. Essstörungen sind keine Frage von Willenskraft – „einfach normal essen" ist für Betroffene oft nicht ohne Weiteres möglich.
Konkret: Keine Kommentare zu Menge, Kalorien oder Aussehen des Essens. Ruhige, wertschätzende Präsenz bei Mahlzeiten ohne Druck. Das Thema außerhalb der Essenssituation ansprechen: „Ich habe bemerkt, dass Essen für dich gerade sehr schwer ist – möchtest du mit jemandem darüber sprechen?" Ärztliches/therapeutisches Team einbeziehen, Essprotokoll und Gewichtsverlauf dokumentieren statt eigene Ernährungsvorgaben zu machen.
Wie das Hilfesystem aufgebaut ist – und wie Pflege- und Betreuungskräfte sich selbst schützen.
0800 111 0 111 · 0800 111 0 222 · kostenlos, anonym, 24h täglich – bei akuten Krisen und Suizidgedanken.
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🔬who.int · Mental Health Atlas, ICD-11, globale Kennzahlen zu psychischer Gesundheit. →
Psychische Erkrankungen sind vielfältig – aber sie sind behandelbar, und Verständnis ist der erste Schritt zu wirksamer Unterstützung. Jede respektvolle Begegnung macht einen Unterschied.
„Man muss die Krankheit nicht verstehen, um dem Menschen zu begegnen – aber wer die Krankheit versteht, begegnet dem Menschen leichter."
Alle Kapitel, Fallbeispiele, Wissens-Checks, Glossar und Checkliste als übersichtliches PDF zum Ausdrucken oder Speichern.
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