Psyche im Fokus
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✨ Interaktiver Vortrag · Pflege & psychische Gesundheit · 2026

Psyche im Fokus –
Erkrankungen verstehen & begleiten

Ein umfassender Überblick über die wichtigsten psychischen Erkrankungen – Klassifikation, Symptome, Ursachen und Umgang in der Praxis. Für Pflegekräfte, Angehörige und alle, die verstehen wollen.

Vortrag beginnen ↓
Basis

Einführung & Klassifikation

Was ist eine psychische Erkrankung überhaupt? Wie werden Diagnosen gestellt, und wie häufig sind sie wirklich?

Basis · Einführung

Was ist eine psychische Erkrankung?

Eine psychische Störung liegt vor, wenn Denken, Fühlen, Verhalten oder Erleben so verändert sind, dass sie zu deutlichem Leiden oder Beeinträchtigung in Alltag, Beziehungen oder Beruf führen – über das übliche Maß hinaus und über einen bestimmten Zeitraum.

~1 Mrd.
Menschen weltweit mit einer psychischen Störung (WHO, 2019)
27,8 %
der Erwachsenen in Deutschland pro Jahr betroffen (DEGS1-MH)
1 von 2
Menschen erlebt im Laufe des Lebens mind. eine psychische Störung
~40 %
Anteil psychischer Erkrankungen an Frühberentungen in DE
ℹ️
Wichtig: Eine psychische Erkrankung ist keine Charakterschwäche und keine Frage des Willens. Es handelt sich um eine Wechselwirkung aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren – wie bei körperlichen Erkrankungen auch.
Basis · Einführung

Klassifikation & Erklärungsmodell

Diagnosen werden nach standardisierten Klassifikationssystemen gestellt – sie beschreiben Symptommuster, nicht die Person.

📘 ICD-11 & DSM-5
Die WHO-Klassifikation ICD-11 (Kapitel 6, seit 2022 gültig) und das amerikanische DSM-5-TR sind die zwei international führenden Systeme. Sie ordnen psychische Störungen nach Kategorien (z.B. affektive, psychotische, angstbezogene Störungen) und definieren Diagnosekriterien – etwa Mindestdauer und Anzahl der Symptome.
🧬 Das biopsychosoziale Modell
Kaum eine psychische Erkrankung hat eine einzelne Ursache. Das Modell unterscheidet: biologisch (Genetik, Neurotransmitter, Hirnstruktur), psychologisch (Persönlichkeit, Bewältigungsstrategien, frühe Bindungserfahrungen) und sozial (Beziehungen, Belastungen, Diskriminierung, sozioökonomischer Status). Erst das Zusammenspiel erklärt, warum jemand erkrankt.
⚖️ Diathese-Stress-Modell
Menschen bringen eine unterschiedliche Vulnerabilität (Anfälligkeit) mit – genetisch oder durch frühe Erfahrungen geprägt. Erst wenn ausreichend Stress hinzukommt (Verlust, Überforderung, Trauma), bricht eine Erkrankung aus. Das erklärt, warum vergleichbare Belastungen bei unterschiedlichen Menschen zu ganz unterschiedlichen Reaktionen führen.
🚫 Stigma & Sprache
Sprache prägt Haltung: nicht „ein Schizophrener", sondern „ein Mensch mit einer Schizophrenie-Diagnose". Stigmatisierung ist einer der größten Gründe, warum Betroffene keine Hilfe suchen – professionelle Sprache in Pflege und Beratung wirkt diesem aktiv entgegen.
I
Kapitel 1

Affektive Störungen

Wenn die Stimmung entgleist: Depression, Bipolare Störung und ihre Verläufe.

Kapitel 1 · Affektive Störungen

Formen der Affektiven Störungen

Affektive Störungen betreffen die Grundstimmung – meist über Wochen bis Monate, oft episodisch wiederkehrend.

🌧️

Depression

Häufigste affektive Störung. Gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Antriebslosigkeit über mind. 2 Wochen. Leicht, mittel, schwer – ggf. mit psychotischen Symptomen.

Bipolare Störung

Wechsel zwischen manischen (Euphorie, Größenideen, wenig Schlafbedarf) und depressiven Episoden. Typ I: volle Manie. Typ II: abgeschwächte Hypomanie.

🌫️

Dysthymie

Chronisch gedrückte Stimmung über mind. 2 Jahre, weniger intensiv als Depression, aber dauerhaft belastend – oft „schleichend" und lange unerkannt.

🔄

Zyklothymie

Anhaltende Stimmungsschwankungen zwischen leichter Hypomanie und leichter Depression, ohne die Kriterien für volle Episoden zu erfüllen.

💡
Wichtiger Unterschied: Trauer ist eine normale Reaktion auf Verlust und meist an das auslösende Ereignis gekoppelt. Eine Depression entkoppelt sich davon, hält an und durchdringt nahezu alle Lebensbereiche.
Kapitel 1 · Affektive Störungen

Symptome, Ursachen & Therapie

🧠 Kernsymptome der Depression
Hauptsymptome: gedrückte Stimmung, Interessen-/Freudlosigkeit, Antriebsmangel. Zusatzsymptome: Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Appetitveränderung, Suizidgedanken, psychomotorische Hemmung oder Unruhe. Diagnose: mind. 2 Wochen, mind. 2 Haupt- + 2 Zusatzsymptome.
🧬 Ursachen
Verminderte Verfügbarkeit von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin im synaptischen Spalt (Monoamin-Hypothese), genetische Vulnerabilität, chronischer Stress mit erhöhtem Cortisolspiegel, belastende Lebensereignisse, aber auch fehlende soziale Unterstützung und ungünstige Denkmuster.
💊 Therapieoptionen
Psychotherapie: kognitive Verhaltenstherapie, interpersonelle Therapie – oft erste Wahl bei leichter bis mittelgradiger Depression. Medikamente: SSRI, SNRI, bei bipolaren Störungen Stimmungsstabilisierer (Lithium, Valproat) und atypische Antipsychotika. Weitere Verfahren: Lichttherapie bei saisonaler Depression, Sport als nachgewiesen wirksame Zusatzmaßnahme, bei therapieresistenten Fällen EKT (Elektrokrampftherapie).
⚠️
Suizidalität immer aktiv ansprechen: Nach Suizidgedanken zu fragen erhöht das Risiko nicht – im Gegenteil, es entlastet meist. Bei akuter Gefährdung: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222 (kostenlos, 24h) oder Notruf 112.
🎯 Wissens-Check · Kapitel 1

Was unterscheidet eine Bipolar-I- von einer Bipolar-II-Störung?

Denke an die Intensität der „Hoch"-Phasen.
Kapitel 1 · Fallbeispiel

Fallbeispiel: „Frau Arendt will nicht mehr aufstehen"

👤 Fallbeispiel · Depression · Stationärer Alltag

Situation

Frau Arendt (54 J.) liegt seit Tagen fast durchgehend im Bett, isst kaum, spricht wenig. Auf Ansprache reagiert sie mit „Lassen Sie mich einfach, es hat sowieso keinen Sinn mehr." Eine Kollegin meint: „Die muss sich einfach mal zusammenreißen, ein bisschen Bewegung würde helfen."

Was steckt dahinter & wie reagieren? Der Satz „es hat sowieso keinen Sinn" kann auf Hoffnungslosigkeit und möglicherweise Suizidgedanken hinweisen – das muss ernst genommen und direkt angesprochen werden, nicht überhört.

Konkret: Ruhiges Einzelgespräch suchen, direkt fragen: „Wenn Sie sagen, es hat keinen Sinn mehr – denken Sie manchmal daran, sich etwas anzutun?" Zuhören ohne zu bewerten oder vorschnell zu trösten. Nicht auffordern „sich zusammenzureißen" – das verstärkt Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit. Behandelnden Arzt/Psychiater informieren, Suizidrisiko dokumentieren, engmaschige Beobachtung absprechen. Kleine erreichbare Schritte anbieten statt großer Erwartungen.

II
Kapitel 2

Angst- & Zwangsstörungen

Wenn Angst und Kontrolle den Alltag bestimmen: von Panikattacken bis Zwangsritualen.

Kapitel 2 · Angst- & Zwangsstörungen

Formen

Angst ist ein sinnvolles Alarmsystem – wird sie jedoch unangemessen intensiv, häufig oder anhaltend, spricht man von einer Störung.

💓

Panikstörung

Wiederkehrende, unerwartete Panikattacken: Herzrasen, Atemnot, Todesangst, Depersonalisation – Gipfel meist nach wenigen Minuten. Oft begleitet von Angst vor der nächsten Attacke.

🌀

Generalisierte Angststörung

Anhaltende, frei flottierende Sorge über viele Lebensbereiche, über mind. 6 Monate, begleitet von Anspannung, Unruhe, Schlafproblemen.

🫥

Soziale Phobie

Ausgeprägte Angst vor Bewertung und Bloßstellung in sozialen Situationen – häufig verbunden mit Vermeidung, Erröten, Zittern.

🔁

Zwangsstörung

Wiederkehrende, aufdringliche Gedanken (Zwangsgedanken) und/oder Handlungen (Zwangshandlungen wie Kontrollieren, Waschen), die Angst reduzieren sollen, aber den Alltag stark einschränken.

Kapitel 2 · Angst- & Zwangsstörungen

Ursachen & Therapie

🧠 Wie entsteht Angst im Gehirn?
Die Amygdala ist die zentrale „Alarmzentrale" des Gehirns. Bei Angststörungen reagiert sie überempfindlich, während der präfrontale Kortex – zuständig für rationale Einordnung – die Alarmreaktion schlechter dämpfen kann. Erlernte Assoziationen (Konditionierung) verstärken das Muster zusätzlich.
🎯 Expositionstherapie
Der wirksamste Baustein: sich der gefürchteten Situation kontrolliert und wiederholt aussetzen, ohne Vermeidung oder Sicherheitsverhalten – bis die Angst von selbst abflacht (Habituation). Bei Zwangsstörungen: Exposition mit Reaktionsverhinderung (ERP) – der Reiz wird ausgehalten, ohne das Zwangsritual auszuführen.
💊 Medikamentöse Unterstützung
SSRI/SNRI als Basis-Medikation, oft in Kombination mit Psychotherapie. Benzodiazepine wirken schnell angstlösend, sind aber wegen hohem Abhängigkeitspotenzial nur für kurze, akute Phasen geeignet – kein Dauereinsatz.
💡
Für die Praxis: Bei einer Panikattacke nicht „Beruhigen Sie sich" sagen – das erhöht oft den Druck. Besser: ruhige Präsenz, langsames gemeinsames Atmen vormachen, kurze, konkrete Sätze: „Ich bin da. Das geht vorbei."
🎯 Wissens-Check · Kapitel 2

Was ist der wirksamste therapeutische Ansatz bei Angststörungen?

Denke an das Prinzip „der Angst nicht ausweichen".
Kapitel 2 · Fallbeispiel

Fallbeispiel: „Herr Nowak kontrolliert immer wieder den Herd"

👤 Fallbeispiel · Zwangsstörung · Ambulante Betreuung

Situation

Herr Nowak (42 J.) kontrolliert vor dem Verlassen der Wohnung bis zu 40 Mal, ob der Herd aus ist – das dauert oft über eine Stunde und führt regelmäßig zu Verspätungen. Er weiß selbst, dass die Sorge übertrieben ist, kann aber nicht aufhören. Eine Betreuerin schlägt vor, ihm die Kontrolle „einfach abzunehmen" und es selbst zu prüfen.

Was steckt dahinter & wie reagieren? Die Kontrollhandlung reduziert kurzfristig die Angst, verstärkt den Zwang aber langfristig. Übernimmt die Betreuerin die Kontrolle, wird Herr Nowak in seiner Abhängigkeit vom Ritual bestätigt statt entlastet – das ist gut gemeint, aber kontraproduktiv.

Konkret: Nicht die Kontrolle übernehmen und nicht ständig rückversichern. Stattdessen behutsam zur Verhaltenstherapie (ERP) motivieren – dort lernt er, den Drang auszuhalten, ohne zu kontrollieren. Im Alltag: Verständnis zeigen ohne das Ritual zu unterstützen: „Ich sehe, wie sehr Sie das belastet – lassen Sie uns besprechen, was Ihre Therapeutin dazu vorschlägt."

III
Kapitel 3

Trauma- & belastungsbezogene Störungen

Wenn belastende Erlebnisse nachwirken: PTBS, komplexe Traumafolgen und Anpassungsstörungen.

Kapitel 3 · Trauma & Belastung

Formen

Posttraumatische Belastungsstörung

Nach einem oder mehreren traumatischen Ereignissen: Intrusionen (Flashbacks, Albträume), Vermeidung, Übererregung, negative Veränderungen in Denken/Stimmung – über mind. 1 Monat.

🧩

Komplexe PTBS

Nach wiederholter, meist zwischenmenschlicher Traumatisierung (z.B. Missbrauch, Gewalt in der Kindheit). Zusätzlich zur PTBS: Störungen der Affektregulation, des Selbstbilds und der Beziehungsfähigkeit.

📉

Anpassungsstörung

Emotionale oder Verhaltenssymptome als Reaktion auf einen identifizierbaren Belastungsfaktor (Trennung, Jobverlust) – meist innerhalb von 3 Monaten, in der Regel zeitlich begrenzt.

Akute Belastungsreaktion

Vorübergehende, intensive Reaktion direkt nach einem extrem belastenden Ereignis – Stunden bis wenige Tage, oft mit Betäubungsgefühl oder starker Erregung.

Kapitel 3 · Trauma & Belastung

Symptome & traumasensible Begleitung

🎞️ Die drei Symptomcluster der PTBS
Intrusionen: Das Trauma drängt sich ungewollt auf – Flashbacks, Albträume, körperliche Reaktionen bei Erinnerungsreizen (Trigger). Vermeidung: Orte, Gespräche, Gedanken an das Erlebte werden gemieden. Übererregung: Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen, ständige Wachsamkeit (Hypervigilanz).
🛡️ Traumasensible Pflege – Grundhaltung
Sicherheit vor allem: vorhersehbare Abläufe, Ankündigen von Berührung/Handlungen, keine Überraschungen. Kontrolle zurückgeben, wo möglich – Betroffene entscheiden lassen, was sie können. Trigger erkennen (bestimmte Geräusche, Gerüche, körperliche Nähe) und wenn möglich vermeiden oder vorbereiten.
💊 Therapieansätze
Traumafokussierte KVT, EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing – verarbeitet Traumaerinnerungen über bilaterale Stimulation), bei komplexer PTBS oft längerfristige, phasenorientierte Therapie (erst Stabilisierung, dann Traumabearbeitung, dann Integration).
⚠️
Nie ohne Vorbereitung re-traumatisieren: Betroffene nicht drängen, das Erlebte im Detail zu schildern, wenn dafür kein geschützter therapeutischer Rahmen besteht.
🎯 Wissens-Check · Kapitel 3

Was unterscheidet die komplexe PTBS von der „klassischen" PTBS?

Denke an die Art der Traumatisierung.
Kapitel 3 · Fallbeispiel

Fallbeispiel: „Frau Yilmaz erstarrt bei der Blutdruckmessung"

👤 Fallbeispiel · PTBS · Körperkontakt in der Pflege

Situation

Frau Yilmaz (39 J.) erstarrt jedes Mal, wenn ihr unangekündigt der Arm für die Blutdruckmessung ergriffen wird – sie zieht sich abrupt zurück, wirkt wie „weggetreten" und reagiert kurz nicht auf Ansprache. Die Pflegekraft ist verunsichert: „Ich habe doch gar nichts gemacht."

Was steckt dahinter & wie reagieren? Unangekündigtes Ergreifen des Arms kann ein Trigger sein, der eine dissoziative Reaktion auslöst – das Gehirn reagiert, als sei die traumatische Situation wieder da. Das ist keine Überreaktion, sondern eine automatische Schutzreaktion des Nervensystems.

Konkret: Vor jeder Berührung ankündigen und um Erlaubnis fragen: „Ich möchte jetzt Ihren Blutdruck messen – ist es okay, wenn ich Ihren Arm nehme?" Bei Erstarren: ruhig ansprechen, Namen nennen, Bezug zur Gegenwart schaffen („Sie sind hier bei uns, es ist [Datum], Sie sind sicher"). Nicht anfassen, um sie „zurückzuholen". Im Team dokumentieren, welche Auslöser bekannt sind, damit alle vorsichtig vorgehen können.

IV
Kapitel 4

Psychotische Störungen

Wenn die Realitätswahrnehmung sich verändert: Schizophrenie und verwandte Störungsbilder.

Kapitel 4 · Psychotische Störungen

Formen

🧩

Schizophrenie

Chronische Störung mit Positiv- (Wahn, Halluzinationen) und Negativsymptomen (Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug). Beginn meist im jungen Erwachsenenalter, Verlauf sehr unterschiedlich.

🎭

Schizoaffektive Störung

Kombination aus psychotischen Symptomen und einer ausgeprägten affektiven Episode (Depression oder Manie), die gleichzeitig auftreten.

🔮

Wahnhafte Störung

Anhaltender, meist gut systematisierter Wahn (z.B. Verfolgungs-, Eifersuchtswahn) ohne die übrigen typischen Schizophrenie-Symptome – Alltagsfunktion oft erstaunlich erhalten.

⏱️

Kurze psychotische Störung

Plötzlich auftretende psychotische Symptome, oft nach starker Belastung, die innerhalb weniger Tage bis unter einem Monat wieder vollständig abklingen.

Kapitel 4 · Psychotische Störungen

Symptome & Behandlung

➕➖ Positiv- vs. Negativsymptome
Positivsymptome („zusätzlich" zur normalen Erfahrung): Wahnvorstellungen, Halluzinationen (meist akustisch – Stimmenhören), Ich-Störungen, formale Denkstörungen. Negativsymptome („Verlust" normaler Funktionen): flacher Affekt, Antriebslosigkeit (Avolition), sozialer Rückzug, verarmte Sprache (Alogie) – oft schwerer zu behandeln als Positivsymptome.
🧠 Die Dopamin-Hypothese
Eine Überaktivität des Dopaminsystems in bestimmten Hirnregionen (mesolimbisches System) wird mit Positivsymptomen in Verbindung gebracht, während eine Unteraktivität in anderen Regionen (präfrontal) mit Negativsymptomen assoziiert wird. Genetik, pränatale Faktoren und Cannabiskonsum in der Jugend gelten als Risikofaktoren.
💊 Antipsychotika & Recovery
Atypische Antipsychotika (Risperidon, Olanzapin, Clozapin bei Therapieresistenz) blockieren Dopamin-D2-Rezeptoren und lindern vor allem Positivsymptome. Ergänzend: psychosoziale Therapie, Soziotherapie, Angehörigenarbeit (Psychoedukation senkt Rückfallraten nachweislich). Recovery ist möglich – viele Betroffene führen mit Unterstützung ein selbstbestimmtes Leben.
💡
Für die Praxis: Halluzinationen wirken für Betroffene real. Nicht ausreden oder bestätigen, sondern die eigene Wahrnehmung ruhig mitteilen: „Ich höre die Stimme nicht, aber ich glaube Ihnen, dass sie für Sie da ist" – Sicherheit geben statt streiten.
🎯 Wissens-Check · Kapitel 4

Was zählt zu den Negativsymptomen der Schizophrenie?

Denke an „Verlust" von etwas Normalem, nicht an etwas „Zusätzliches".
Kapitel 4 · Fallbeispiel

Fallbeispiel: „Herr Petrov hört Stimmen"

👤 Fallbeispiel · Schizophrenie · Umgang mit Halluzinationen

Situation

Herr Petrov (29 J.) sagt während der Mahlzeit plötzlich: „Die sagen, ich soll nicht essen, das Essen ist vergiftet." Er wirkt angespannt und schaut sich misstrauisch um. Eine Pflegekraft antwortet reflexartig: „Unsinn, hier vergiftet niemand das Essen, essen Sie jetzt bitte."

Was steckt dahinter & wie reagieren? Herr Petrov erlebt vermutlich eine akustische Halluzination und einen damit verknüpften Wahn. Ein direktes „Unsinn" wird als Angriff erlebt und kann Misstrauen und Widerstand verstärken, statt ihn zu beruhigen.

Konkret: Ruhig bleiben, Gefühl anerkennen ohne den Wahninhalt zu bestätigen: „Das klingt beängstigend. Ich vergifte hier niemandes Essen, aber ich kann verstehen, dass Sie gerade misstrauisch sind." Keine Diskussion über den Wahrheitsgehalt führen – das führt zu nichts. Druck rausnehmen: „Sie müssen jetzt nicht essen, wenn Sie nicht möchten. Wollen wir es später nochmal versuchen?" Vorfall dokumentieren und ans Behandlungsteam weitergeben (mögliches Zeichen für Symptomverschlechterung).

V
Kapitel 5

Sucht- & Abhängigkeitserkrankungen

Substanzgebundene und Verhaltenssüchte: Kontrollverlust, Craving und Wege aus der Abhängigkeit.

Kapitel 5 · Sucht & Abhängigkeit

Formen

🍷

Alkoholabhängigkeit

Häufigste substanzgebundene Sucht in Deutschland. Toleranzentwicklung, Kontrollverlust, körperliche Entzugssymptome, Craving. Etwa 1,6 Mio. Betroffene in DE.

💊

Medikamenten- & Drogenabhängigkeit

Opioide, Benzodiazepine, Stimulanzien, Cannabis u.a. Unterschiedliche Wirk- und Entzugsprofile, oft schleichende Entwicklung – z.B. bei Schmerz- oder Schlafmitteln.

🎰

Glücksspielsucht

Verhaltenssucht mit ähnlichen neurobiologischen Mechanismen wie Substanzabhängigkeit. Kontrollverlust, Weiterspielen trotz negativer Konsequenzen, „Chasing losses".

📱

Internet- & Mediensucht

Exzessive, nicht mehr kontrollierbare Nutzung von Internet, Gaming oder sozialen Medien mit klaren negativen Folgen für Alltag, Schlaf und Beziehungen. Seit ICD-11 als „Gaming Disorder" anerkannt.

Kapitel 5 · Sucht & Abhängigkeit

Der Suchtkreislauf & Umgang

🔄 Wie Sucht das Gehirn verändert
Suchtmittel und -verhalten aktivieren das Belohnungssystem (Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens) besonders stark. Mit der Zeit sinkt die natürliche Dopaminproduktion, Alltagsfreuden verblassen, während der Suchtreiz immer wichtiger wird – ein Teufelskreis aus Toleranz, Craving und Kontrollverlust.
🗣️ Motivierende Gesprächsführung
Konfrontation und Moralisieren erzeugen meist Widerstand. Motivierende Gesprächsführung (Miller & Rollnick) arbeitet mit offenen Fragen, Empathie und dem Herausarbeiten der eigenen Ambivalenz: „Was würde sich für Sie verbessern, wenn Sie weniger trinken?" – die Veränderungsmotivation muss von der Person selbst kommen.
🏥 Behandlungsstufen
Körperlicher Entzug (meist stationär, ärztlich begleitet) → Entwöhnung (Reha, mehrwöchig bis mehrmonatig, Psychotherapie) → Nachsorge (Selbsthilfegruppen wie Anonyme Alkoholiker, ambulante Beratungsstellen). Rückfälle sind Teil des Krankheitsverlaufs, kein „Versagen".
⚠️
Alkoholentzug kann lebensbedrohlich sein: Delirium tremens mit Halluzinationen, Krampfanfällen und Kreislaufinstabilität erfordert immer ärztliche Überwachung. Bei akuten Entzugssymptomen: Notarzt rufen.
🎯 Wissens-Check · Kapitel 5

Welcher Gesprächsansatz ist bei Suchterkrankungen am wirksamsten?

Denke an Ambivalenz statt Konfrontation.
Kapitel 5 · Fallbeispiel

Fallbeispiel: „Herr Dahl riecht wieder nach Alkohol"

👤 Fallbeispiel · Alkoholabhängigkeit · Rückfall

Situation

Herr Dahl (58 J.) war drei Monate trocken, riecht heute wieder nach Alkohol und ist leicht enthemmt. Er wirkt beschämt und weicht Blickkontakt aus. Eine Kollegin sagt genervt: „Das hatten wir doch schon mal, der macht das doch mit Absicht."

Was steckt dahinter & wie reagieren? Ein Rückfall ist bei Suchterkrankungen ein häufiger Teil des chronischen Krankheitsverlaufs, kein Zeichen von Absicht oder mangelnder Willenskraft. Beschämung von außen verstärkt oft die Scham, die selbst wieder ein Rückfalltrigger sein kann.

Konkret: Nicht bloßstellen oder vor anderen ansprechen. Ruhiges Vier-Augen-Gespräch: „Ich sehe, dass es Ihnen heute nicht so gut geht. Möchten Sie erzählen, was passiert ist?" Ohne Vorwurf nach dem Auslöser fragen (Stress, Einsamkeit, Trigger-Situation). An die Suchtberatung/den Behandlungsplan anknüpfen, nicht bei null anfangen – der Rückfall macht die drei trockenen Monate nicht ungeschehen. Team schulen: Rückfälle sachlich, nicht moralisierend besprechen.

VI
Kapitel 6

Persönlichkeitsstörungen

Wenn tief verwurzelte Muster im Erleben und Verhalten zu dauerhaftem Leiden führen.

Kapitel 6 · Persönlichkeitsstörungen

Formen (Cluster-Übersicht)

Persönlichkeitsstörungen sind überdauernde, unflexible Muster im Denken, Fühlen und Verhalten, die deutlich von kulturellen Erwartungen abweichen und seit der Jugend bestehen.

🕵️

Cluster A – „Sonderbar"

Paranoide, schizoide, schizotypische Persönlichkeitsstörung. Misstrauen, sozialer Rückzug, ungewöhnliche Denkmuster.

🎭

Cluster B – „Dramatisch"

Borderline, narzisstische, histrionische, antisoziale Persönlichkeitsstörung. Starke Emotionalität, instabile Beziehungen, Impulsivität.

😟

Cluster C – „Ängstlich"

Ängstlich-vermeidende, dependente, zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Übermäßige Angst vor Ablehnung, starkes Kontrollbedürfnis oder Abhängigkeit von anderen.

💔

Borderline im Fokus

Instabile Beziehungen, Impulsivität, starke Angst vor dem Verlassenwerden, Selbstbildstörung, häufig selbstverletzendes Verhalten als Regulationsstrategie.

Kapitel 6 · Persönlichkeitsstörungen

ICD-11-Ansatz & Therapie

📐 Neuer Ansatz in der ICD-11
Die ICD-11 hat die kategorialen Typen (Borderline, narzisstisch etc.) weitgehend durch ein dimensionales Modell ersetzt: Schweregrad (leicht/mittel/schwer) plus Persönlichkeitsmerkmale (negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung, Zwanghaftigkeit). „Borderline-Muster" bleibt als optionaler Zusatz-Spezifizierer erhalten.
🧠 Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
Von Marsha Linehan speziell für Borderline entwickelt. Kombiniert Akzeptanz und Veränderung: Skills-Training in Emotionsregulation, Stresstoleranz, Achtsamkeit und zwischenmenschlicher Wirksamkeit. Gilt als wirksamste störungsspezifische Therapie bei Borderline.
🤝 Umgang in der Betreuung
Klare, verlässliche Grenzen setzen – ohne Strafcharakter. Konsequent, aber wertschätzend bleiben. Selbstverletzendes Verhalten nicht als „Manipulation" abwerten, sondern als (dysfunktionale) Emotionsregulationsstrategie verstehen. Spaltung im Team vermeiden: einheitliche Absprachen, offene Kommunikation im Kollegium.
💡
Wichtig: Menschen mit Persönlichkeitsstörungen werden oft vorschnell als „schwierig" etikettiert. Ihr Verhalten ist meist ein erlerntes Überlebensmuster aus früheren, oft belastenden Beziehungserfahrungen.
🎯 Wissens-Check · Kapitel 6

Welche Therapieform gilt als wirksamste störungsspezifische Behandlung bei Borderline?

Entwickelt von Marsha Linehan.
Kapitel 6 · Fallbeispiel

Fallbeispiel: „Frau Lund droht mit Abbruch der Betreuung"

👤 Fallbeispiel · Borderline-Muster · Beziehungsgestaltung

Situation

Frau Lund (26 J.) idealisiert eine Betreuerin zunächst stark („Sie sind die Einzige, die mich versteht"), reagiert dann aber auf eine terminliche Absage extrem gekränkt: „Sie sind genau wie alle anderen, Sie interessieren sich gar nicht für mich!" und droht, die Betreuung ganz abzubrechen.

Was steckt dahinter & wie reagieren? Der schnelle Wechsel von Idealisierung zu Abwertung („Splitting") ist ein typisches Beziehungsmuster bei Borderline-Persönlichkeitsstörung, meist Ausdruck extremer Verlassenheitsangst – keine persönliche Ablehnung der Betreuerin.

Konkret: Ruhig, konsistent und nicht gekränkt reagieren: „Ich verstehe, dass die Absage Sie enttäuscht hat. Ich interessiere mich weiterhin für Sie – der Termin musste aus [Grund] verschoben werden, nicht wegen Ihnen." Grenzen klar, aber freundlich halten, keine übertriebenen Zusagen machen, um „es wiedergutzumachen". Im Team konsistent bleiben, damit kein Keil zwischen Betreuende getrieben wird (Splitting auch im Team möglich).

VII
Kapitel 7

Essstörungen

Wenn Essen, Körper und Kontrolle zum Zentrum des Leidens werden.

Kapitel 7 · Essstörungen

Formen

⚖️

Anorexia nervosa

Selbst herbeigeführtes, deutliches Untergewicht durch restriktives Essverhalten, verzerrte Körperwahrnehmung, intensive Angst vor Gewichtszunahme. Höchste Sterblichkeit aller psychischen Erkrankungen.

🔁

Bulimia nervosa

Wiederkehrende Essanfälle gefolgt von kompensatorischen Verhaltensweisen (Erbrechen, Abführmittel, exzessiver Sport). Gewicht oft im Normalbereich – dadurch häufig lange unentdeckt.

🍽️

Binge-Eating-Störung

Wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust, ohne kompensatorische Maßnahmen. Häufig verbunden mit starken Scham- und Schuldgefühlen.

🚫

ARFID

Vermeidend-restriktive Störung der Nahrungsaufnahme – stark eingeschränktes Essverhalten ohne Körperbildstörung, oft aufgrund von Konsistenz-/Geschmacksempfindlichkeit oder Angst vor Ersticken/Erbrechen.

Kapitel 7 · Essstörungen

Körperliche Folgen & Therapie

❤️ Körperliche Risiken
Bei Anorexie: Elektrolytstörungen, Herzrhythmusstörungen, Osteoporose, Ausbleiben der Regelblutung, in schweren Fällen Organversagen. Bei Bulimie: Zahnschäden durch Magensäure, Speiseröhrenschäden, ebenfalls gefährliche Elektrolytstörungen durch Erbrechen. Regelmäßige ärztliche Kontrolle ist bei allen Essstörungen essenziell.
🧠 Psychologische Dynamik
Essstörungen sind selten „nur" ums Essen – häufig geht es um Kontrolle, Selbstwert, Perfektionismus oder Bewältigung überwältigender Gefühle. Gesellschaftlicher Schlankheitsdruck und soziale Medien können als Verstärker wirken, sind aber selten alleinige Ursache.
💊 Behandlung
Multiprofessionelles Team: somatische Stabilisierung, Ernährungstherapie, Psychotherapie (bei Jugendlichen oft familienbasierte Therapie, sonst KVT-ED), bei ausgeprägtem Untergewicht ggf. stationäre Behandlung. Medikamente spielen meist nur eine unterstützende Rolle.
⚠️
Keine konkreten Kalorien-, Gewichts- oder Ernährungsvorgaben in Gesprächen mit Betroffenen machen – das kann Symptome verstärken. Bei akuter körperlicher Gefährdung (starkes Untergewicht, Kreislaufinstabilität) sofort ärztliche Hilfe hinzuziehen.
🎯 Wissens-Check · Kapitel 7

Welche Essstörung hat die höchste Sterblichkeit aller psychischen Erkrankungen?

Denke an die Störung mit ausgeprägtem Untergewicht.
Kapitel 7 · Fallbeispiel

Fallbeispiel: „Lena isst nie mit der Gruppe"

👤 Fallbeispiel · Anorexie · Gemeinschaftsverpflegung

Situation

Lena (17 J.) vermeidet konsequent gemeinsame Mahlzeiten, schneidet ihr Essen in winzige Stücke und schiebt es lange auf dem Teller hin und her, ohne viel zu essen. Eine Betreuerin sagt gut gemeint: „Iss doch einfach normal, ist doch nicht so schlimm, ein bisschen mehr Kalorien schaden nicht."

Was steckt dahinter & wie reagieren? Solche gut gemeinten Kommentare zu Essen und Kalorien können bei Essstörungen kontraproduktiv wirken und Scham- oder Kontrollgefühle verstärken. Essstörungen sind keine Frage von Willenskraft – „einfach normal essen" ist für Betroffene oft nicht ohne Weiteres möglich.

Konkret: Keine Kommentare zu Menge, Kalorien oder Aussehen des Essens. Ruhige, wertschätzende Präsenz bei Mahlzeiten ohne Druck. Das Thema außerhalb der Essenssituation ansprechen: „Ich habe bemerkt, dass Essen für dich gerade sehr schwer ist – möchtest du mit jemandem darüber sprechen?" Ärztliches/therapeutisches Team einbeziehen, Essprotokoll und Gewichtsverlauf dokumentieren statt eigene Ernährungsvorgaben zu machen.

VIII
Kapitel 8

Selbstfürsorge & Versorgungssystem

Wie das Hilfesystem aufgebaut ist – und wie Pflege- und Betreuungskräfte sich selbst schützen.

Kapitel 8 · Versorgung & Selbstfürsorge

Das Versorgungssystem & die eigene Belastung

🏥 Versorgungsstufen in Deutschland
Ambulant: niedergelassene Psychiater:innen, Psychotherapeut:innen, sozialpsychiatrische Dienste. Teilstationär: Tageskliniken. Stationär: psychiatrische Kliniken/Abteilungen, bei akuter Gefährdung auch gegen den eigenen Willen möglich (Unterbringung nach PsychKG/Betreuungsrecht, streng geregelt). Komplementär: betreutes Wohnen, Werkstätten, Selbsthilfegruppen.
😮‍💨 Compassion Fatigue & Burnout erkennen
Die Arbeit mit psychisch schwer belasteten Menschen fordert selbst emotional stark. Warnsignale: Zynismus, emotionale Taubheit, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Rückzug, Freudlosigkeit am Beruf. Unbehandelt drohen Burnout und sekundäre Traumatisierung.
🧘 Was schützt
Regelmäßige Supervision als fester Bestandteil, nicht als Ausnahme. Klare Rollenabgrenzung: professionelle Nähe statt Verschmelzung mit dem Leid anderer. Kolleg:innen als Rückhalt nutzen, Fälle im Team besprechen. Eigene Warnsignale ernst nehmen und frühzeitig Unterstützung suchen – auch für sich selbst gilt: Hilfe holen ist kein Zeichen von Schwäche.
💡
Für dich selbst: Wer täglich mit psychischem Leid arbeitet, trägt ein erhöhtes eigenes Risiko. Nimm eigene Erschöpfung, Reizbarkeit oder Schlafprobleme ernst und sprich mit einer Vertrauensperson oder Fachstelle darüber – frühzeitig, nicht erst im Krisenfall.
Bonus · Vertiefende Fragen

Häufige Fragen – tiefer erklärt

🔗 Sind Komorbiditäten die Regel oder die Ausnahme?
Die Regel. Über 50 % der Menschen mit einer psychischen Diagnose erfüllen im Lauf des Lebens die Kriterien für mindestens eine weitere – z.B. Depression und Angststörung gemeinsam, oder Sucht und Trauma. Behandlungspläne müssen das berücksichtigen, statt nur eine Diagnose isoliert zu behandeln.
🧬 Wie stark ist die genetische Komponente wirklich?
Sehr unterschiedlich je nach Störung: bei Schizophrenie und Bipolarer Störung liegt die geschätzte Erblichkeit bei 60–80 %, bei Depression bei ca. 35–40 %, bei spezifischen Phobien deutlich niedriger. Wichtig: Genetik schafft eine Vulnerabilität, keine Vorherbestimmung – Umweltfaktoren entscheiden mit, ob und wie eine Erkrankung ausbricht.
👶 Warum werden manche Störungen erst im Erwachsenenalter erkannt?
Manche Symptome (z.B. bei ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen bei Frauen) werden durch gute Kompensationsstrategien lange kaschiert. Auch Persönlichkeitsstörungen werden formal oft erst ab dem 18. Lebensjahr diagnostiziert, obwohl sich Muster meist schon in der Jugend zeigen. Gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechterrollen beeinflussen zusätzlich, wessen Symptome auffallen und wessen nicht.
💊 Wirken Psychopharmaka wie „Persönlichkeitsveränderer"?
Nein – korrekt dosierte Psychopharmaka verändern nicht die Persönlichkeit, sondern regulieren Neurotransmitter-Ungleichgewichte, die bestimmte Symptome verursachen. Viele Betroffene berichten, sich „wieder wie sie selbst" zu fühlen, sobald z.B. eine schwere Depression abklingt. Nebenwirkungen (z.B. emotionale Abflachung bei manchen SSRI) sind möglich und sollten ärztlich besprochen werden.
🌍 Warum steigen die Diagnosezahlen psychischer Erkrankungen?
Mehrere Faktoren wirken zusammen: bessere Diagnostik und weniger Stigma (mehr Menschen suchen Hilfe und werden erfasst), veränderte Diagnosekriterien, aber auch reale Zunahme von Risikofaktoren wie sozialer Isolation, Leistungsdruck und Zukunftsängsten – besonders bei jungen Menschen seit der COVID-19-Pandemie deutlich sichtbar.
🤝 Was hilft Angehörigen von Betroffenen am meisten?
Psychoedukation (Verstehen der Erkrankung senkt Überforderung und Schuldgefühle), eigene Grenzen wahren, sich nicht allein verantwortlich fühlen für die Genesung des anderen, eigene Unterstützung suchen (Angehörigengruppen). Die Erkrankung „mittragen", ohne sich selbst darin zu verlieren, ist ein zentraler Balanceakt.
Bonus · Glossar

Fachbegriffe einfach erklärt

Komorbidität
Gleichzeitiges Vorliegen von zwei oder mehr Erkrankungen bei derselben Person – bei psychischen Störungen eher die Regel als die Ausnahme.
Psychoedukation
Strukturierte Aufklärung von Betroffenen und Angehörigen über eine Erkrankung, ihre Ursachen und Behandlung – reduziert nachweislich Rückfallraten und Stigma.
Craving
Starkes, oft überwältigendes Verlangen nach einer Substanz oder einem Suchtverhalten – zentrales Merkmal von Abhängigkeitserkrankungen.
Dissoziation
Vorübergehende Abspaltung von Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen oder dem Identitätsgefühl – häufig als Schutzmechanismus bei Trauma.
Ambivalenz (in der Suchttherapie)
Das gleichzeitige Vorhandensein von Veränderungswunsch und Beharrungswunsch bei Suchterkrankungen. Motivierende Gesprächsführung setzt gezielt hier an, statt die Ambivalenz zu übergehen.
Habituation
Die natürliche Abnahme einer Angstreaktion bei wiederholtem, ausgehaltenem Kontakt mit dem angstauslösenden Reiz – Grundprinzip der Expositionstherapie.
Affekt
Der unmittelbare, meist kurzfristige emotionale Ausdruckszustand einer Person, beobachtbar z.B. an Mimik und Tonfall – abzugrenzen von der länger anhaltenden Stimmung.
Psychoseferne / Krankheitseinsicht
Das Ausmaß, in dem eine Person ihre Symptome als Teil einer Erkrankung erkennt. Bei akuten Psychosen oft stark eingeschränkt – kein Zeichen von Sturheit, sondern Teil des Krankheitsbildes.
Deeskalation
Kommunikative und verhaltensbezogene Strategien, um eine sich zuspitzende, potenziell gefährliche Situation zu beruhigen, bevor Zwang notwendig wird.
Resilienz
Die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen – kein fixer Charakterzug, sondern zu einem gewissen Grad erlern- und stärkbar.
Peer-Support
Unterstützung durch Menschen mit eigener Erfahrung einer psychischen Erkrankung (Genesungsbegleiter:innen) – ergänzt professionelle Behandlung um eine Perspektive „auf Augenhöhe".
Bonus · Checkliste

10 Punkte für den Alltag in Pflege & Betreuung

🖨️
Diese Checkliste kann ausgedruckt und im Dienstzimmer aufgehängt werden – als tägliche Erinnerung für das ganze Team.
Ressourcen & Weiterbildung

Weiterführende Ressourcen

📞

TelefonSeelsorge

0800 111 0 111 · 0800 111 0 222 · kostenlos, anonym, 24h täglich – bei akuten Krisen und Suizidgedanken.

🏢

DGPPN

dgppn.de · Leitlinien, Patienteninfos, Fortbildungen für Fachkräfte. →

🍽️

Essstörungen-Hotline (BZgA)

0221 / 89 20 31 · Anonyme, kostenlose Beratung rund um Essstörungen.

🍷

Sucht & Drogen Hotline

01806 / 31 30 31 · Bundesweite Beratung zu allen Suchtformen.

🎓

DFA Hamburg

dfa-hamburg.de · Fort- & Weiterbildung, u.a. Gerontopsychiatrie, Deeskalation, Palliative Care. →

🔬

WHO

who.int · Mental Health Atlas, ICD-11, globale Kennzahlen zu psychischer Gesundheit. →

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Vortrag abgeschlossen

Psychische Erkrankungen sind vielfältig – aber sie sind behandelbar, und Verständnis ist der erste Schritt zu wirksamer Unterstützung. Jede respektvolle Begegnung macht einen Unterschied.

„Man muss die Krankheit nicht verstehen, um dem Menschen zu begegnen – aber wer die Krankheit versteht, begegnet dem Menschen leichter."
↑ Von vorne beginnen
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